07.07.2022, 11:52 - Wörter:
I like the way I can't keep my focus
"Findest du, das klingt traurig?" fragte er ehrlich interessiert und auch ein wenig überrascht nach. Trinkfestigkeit bedeutete ja nicht automatisch, dass man eine Saufnase war, es bedeutete nur, dass man nicht bereits nach dem zweiten Glas unterm Tisch lag. Ihr gequälter Gesichtsausdruck gefiel ihm nicht. Er wollte sie nicht dazu bringen, so zu gucken. Er wollte sie lächeln und scherzen sehen, mit einem herausfordernden Blitzen in den Augen, so wie es ihm gegenüber oft der Fall war. Aber würde er dafür wirklich einen Borat-Anzug tragen müssen? Oh, bitte nicht. Er war zwar fit und trieb regelmäßig Sport, aber er war eben keine zwanzig mehr.
"Ich wage wirklich zu bezweifeln, dass du mich in diesem Anzug sehen willst... Beziehungsweise, ob du diesen Wunsch nicht bereuen würdest. Es sollte dir klar sein, dass du die Bilder nie wieder aus dem Kopf bekommen wirst, was nicht unbedingt etwas Positives ist." Allein der Gedanke an diese Bilder war so absurd wie die ganze Unterhaltung es ja auch war. Doch vielleicht sollte er sich zur Sicherheit so ein Ding besorgen - vielleicht gab es ja mal die Gelegenheit, sich ihr wirklich in dem Anzug zu präsentieren und sie zum Lachen zu bringen. Um dieses Lachen zu hören, würde er so Einiges tun. Ob es wirklich das Tragen dieses neongrünen Hauchs von Nichts sein würde, ob er sich das wirklich trauen würde, konnte er momentan noch nicht absehen.
Das befreite Auflachen, welches er ihr kurz darauf entlockte, erfreute sein Herz. Es war das schönste Geräusch, das er je gehört hatte. Die Frage nach den Leichen im Keller versetzte ihm dagegen einen leichten Stich - denn unwahr waren ihre Worte nicht. Er selbst hatte ja auch so seine Leichen im Keller. Seine Vergangenheit, die er stets mit aller Macht verdrängte. Seine berufliche Tätigkeit, die er Ellis noch nicht offenbahrt hatte. Da waren sie schon, seine zwei Leichen. "Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber ich denke, so im Schnitt kommt das hin." Er zuckte mit den Schultern. "Die einen haben die Leichen im Keller, die anderen im Kofferraum. Die Letzteren sind auf jeden Fall leichter loszuwerden, da sie ja schon mobil transportiert werden können." Es war so viel einfacher, weiter absurdes Zeug zu reden statt das zu sagen, was ihm wirklich auf der Zunge lag: Dass er sich darüber freute, dass sie nach New York zog. Und wenn es nur so halb war. Ob sie sich dann öfter sehen würden? Die Macht, mit der er sich genau das wünschte, überraschte Emrys. Was war nur los mit ihm? Was hatte diese Frau bloß an sich, dass er sich so nach ihrer Nähe sehnte? Er kannte sich so nicht. Aber irgendwie gefiel es ihm. Menschen waren doch von Natur aus soziale Wesen, und Emrys ging nun schon geraume Zeit allein durchs Leben. Er sehnte sich nach Nähe, nach jemandem, zu dem er abends heimkommen konnte. Eine Person, die ihn so gut kannte wie niemand sonst.
Na gut, davon ihn gut zu kennen war Ellis zugegebenermaßen noch weit entfernt. Zumindest, was seine hard facts anging. Doch sie kannte seinen Charakter, zumindest Teile davon. Die wichtigen Teile. Die guten in ihm. Ihr den Rest zu zeigen, würde verdammt viel Überwindung kosten. Ob sie ihn noch mögen würde, wenn sie den ganzen Emrys kannte? Politiker war ja kein schlechter Job, er war ja kein Zuhälter oder Drogendealer, er war jemand, mit dem man sich im Allgemeinen trotz (oder gerade wegen) seines Jobs gerne umgab. Und doch... Es war, als hätten sie den idealen Augenblick für den Austausch solcher Informationen verpasst, und nun war die Hemmschwelle einfach hoch. Gedankenversunken folgte Emrys seiner Begleitung zum Getränkewagen und er bezahlte sie rasch, ehe Ellis eventuell auf die Idee kam, dies zu tun. Er war gerne ein wenig altmodisch in der Form, dass er eine Frau zu etwas einlud, ihr die Tür aufhielt, sie nach Hause brachte oder ihr den Stuhl zurecht rückte.
„Also, nur wenige Straßen von hier befindet sich das Eiskrem-Museum. ‚Ein sensorisches Abenteuer für Naschkatzen‘“, zitierte er den Slogan des Museums. „Da sind vielleicht nicht unbedingt die coolen Kids, aber es ist durchaus eine Erfahrung wert. Und ja, man darf die Eiskrem probieren.“ Emrys schmunzelte, als er so neben ihr herging. Das Museum würde ihr bestimmt gut gefallen. „Ansonsten fürchte ich, dass ich etwas zu alt bin um zu wissen, wo die coolen Kids abhängen. Es gibt eine Rollschuhbahn in Williamsburg, da bin ich als junger Mann gerne mal gewesen. Ob die aber noch als cool gilt… Da bin ich ehrlich gesagt etwas überfragt.“
„Ist es merkwürdig, dass wir nichts voneinander wissen?“ wollte Ellis von ihm wissen. Emrys dachte über diese Frage einen Augenblick nach. „Ich würde sagen, es ist ungewöhnlich. Und genau das hat gerade zu Beginn den Reiz ausgemacht, nicht wahr?“ Er hielt wieder inne, sortierte innerlich seine Gedanken und Worte. „Und natürlich beschäftigt mich die Frage, wohin das hier führt. Was das ist, das zwischen uns. Vom Gefühl her würde ich sagen, es ist Zeit, das Ganze auf die nächste Stufe zu heben – und das geht nur, wenn wir uns mehr öffnen. Mehr preisgeben.“ Himmel, ehrlich und direkt sein war gar nicht so einfach. Aber politisches, charmantes aber nichtssagendes Bla Bla war gerade nicht das Richtige. Ellis hatte mehr verdient. „Und das macht mir eine Scheiß-Angst“, gab er schließlich zu und atmete tief durch, denn dieses Geständnis fiel ihm richtig, richtig schwer, das bemerkte Ellis sicherlich. „Ich möchte das zwischen uns nicht zerstören. Aber ich möchte jemand sein, den du anrufst, wenn du eine Wohnung suchst. Oder ein Auto kaufst. Wobei ich dir zu Letzterem hier in New York abraten würde, selbst in den Randbezirken ist der Verkehr zu den Stoßzeiten die Hölle.“